Die wunderbare Kornvermehrung

Einst kam über die Stadt Myra und das ganze Land eine große Dürre, die die gesamte Ernte vernichtete. Die Menschen hatten nichts zu essen und überall litten sie großen Hunger.

Eines Tages gingen im Hafen der Stadt Schiffe vor Anker, die alle von unten bis oben mit Getreide beladen waren.

Als Nikolaus davon erfuhr, eilte er sofort zum Hafen und sprach zu den Seeleuten: „Lasst uns ein paar Säcke von eurem Getreide hier, ich bitte euch! Ihr habt so viel davon und die Menschen hier haben schrecklichen Hunger!“ Doch die Seeleute mussten ablehnen: „Tut uns leid, lieber Bischof. Dieses Getreide ist für den Kaiser in Konstantinopel bestimmt. Es ist genau abgewogen und wenn auch nur ein Gramm fehlt, wird er uns fürchterlich bestrafen.“

Darauf entgegnete Nikolaus: „Macht euch keine Sorgen. Gebt uns nur ein wenig, sagen wir hundert Scheffel. Ich verspreche euch, es wird euch in Konstantinopel nicht ein Gramm fehlen, sonst will ich nicht mehr Nikolaus heißen.“

Die Seeleute nahmen Nikolaus beim Wort und gaben ihm schließlich, worum er sie gebeten hatte. Als sie in Konstantinopel ankamen und das Getreide ablieferten, stellten sie erstaunt fest, dass Nikolaus Recht behalten hatte: Es fehlte nicht ein einziges Gramm.

Die hundert Scheffel aber, die sie in Myra gelassen hatten, machten die Menschen dort ganze zwei Jahre lang satt und reichten sogar noch für die Getreideaussaat.

 

Die Stillung des Seesturms

Einst war ein Segelschiff in einen großen Sturm geraten. Den Seeleuten gelang es nicht, das Schiff unter Kontrolle zu bringen. Das Meer tobte, der Sturm riss das Segel kaputt und das Schiff schwankte hin und her.

Plötzlich stand ein Mann am Steuerrad und sagte den Seeleuten, sie sollten sich nicht fürchten. Er lenkte das Segelschiff sicher durch den Sturm in den Hafen von Myra. Dann verschwand er wieder.

Am nächsten Tag gingen die Seeleute in die Kirche, um Gott für ihre Rettung zu danken. Dort erkannten sie Nikolaus, der hinter dem Altar stand, als ihren Retter. So wurde der heilige Nikolaus zum Schutzpatron der Reisenden und der Seefahrer.

 

Die Legende von den drei verarmten Jungfrauen

In Myra lebte ein armer Mann mit seinen drei Töchtern, die bald heiraten sollten. Zu jener Zeit war es üblich, etwas Geld mit in die Ehe zu bringen. Ohne eine solche Aussteuer war eine Heirat undenkbar. So klagte der Mann: „Ach, meine armen Töchter! Ich habe all unser Geld verloren und kann ihnen keine Aussteuer geben. Wie nur sollen sie einen Mann finden, der für sie sorgt?“ Er sah keine andere Möglichkeit, als seine Töchter für Geld anzubieten.

Bald erfuhr auch Nikolaus von dem Vorhaben des Mannes und dachte bei sich: „Der arme Mann. Wie verzweifelt muss er sein, wenn er seine eigenen Töchter verkauft? Ich werde ihm helfen. Wie gut, dass ich gerade etwas Geld geerbt habe. Das werde ich dem armen Mann für die Aussteuer seiner Töchter schenken.“

Doch als Nikolaus das Geld zusammenzählte, merkte er: „Hm. Das Geld, das ich geben kann, wird nur für eine Tochter reichen. Ich werde meine Freunde bitten, etwas dazuzugeben.“ Gesagt, getan: Nikolaus sammelte bei seinen Freunden Geld und schon bald stellte er zufrieden fest: „Wie gutherzig meine Freunde sind. Ich habe genügend zusammenbekommen, damit alle Töchter heiraten können. Aber wie soll ich dem Mann das Geld geben? Ich weiß, dass er sich zu sehr schämt, als dass er es annehmen würde. Ich muss es heimlich tun.“

Also schlich sich Nikolaus nachts zum Haus des armen Mannes und warf jedes Mal einen Geldbeutel durch ein offenes Fenster.

In den ersten beiden Nächten entkam Nikolaus unbemerkt. Als er sich aber in der dritten Nacht wieder davonmachen wollte, stürmte der arme Mann aus dem Haus und warf sich Nikolaus unter Tränen zu Füßen: „Du bist also der große Wohltäter, der meinen Töchtern ein besseres Leben ermöglicht hat! Wie soll ich dir nur jemals dafür danken?“ Nikolaus half dem Mann vom Boden auf, blickte ihn lächelnd an und sagte mit ruhiger Stimme: „Mir brauchst du nicht zu danken, danke lieber ihm ...“ Dabei zeigte er zum Himmel.

Da erkannte der arme Mann, dass er in seiner Not nie alleine war. Die beiden blieben die ganze Nacht zusammen und unterhielten sich. Am nächsten Morgen war der Mann wie verwandelt und begann ein besseres Leben für sich und seine Töchter.